Ihr Kinderlein kommet nicht

(Textauszug, 69ff)

Warum der heilige Augustinus gegen die Methode Knaus-Ogino wetterte
Um die Mitte des dritten Jahrhunderts erfand der persische Prophet Mani (216-277) einen Privatmythos, legte ihn in sieben heiligen Büchern nieder, gründete eine Religion und starb den Märtyrertod (vermutlich am Kreuz). Der neue Glaube bereitete sich wie ein Steppenbrand im ganzen zivilisierten Mittelmeerraum aus.
   
Was war das für ein Mythos? Am Anfang gab es zwei Prinzipien, das Reich des Lichts und das Reich der Finsternis. Der Fürst der Finsternis drang in das Lichtreich ein, ihm stellte sich der von Gottvater gezeugte Urmensch, ein Lichtwesen entgegen. Er und seine Söhne wurden besiegt und von dem Finsterling verschlungen; damit war das Licht gefangen. Der Vater berief den Lebendigen Geist, der den Urmenschen befreite, die Lichtpartikel aber in der Finsternis beließ. Aus einigen Besiegten machte er Himmel und Erde, das Licht nahm er heraus und bildete damit die Sonne und den Mond. Der Fürst der Finsternis wollte auch Lichtgestalten schaffen, er ließ seine Kinder sich paaren und verschlang die Frucht. Dann paarte er sich mit seinem eigenen Weibe und erzeugte den Menschen. Dieser ist also ein Kind der Finsternis, aber er trägt das Licht in sich, das einst in den Söhnen der Finsternis war. Für den Menschen kommt es nun darauf an, durch Befreiung der Lichtpartikel und durch Abstinenz vom Finsteren sich immer mehr dem Lichtgott anzunähern. Der Same enthält das Licht, auch Pflanzensamen. Man aß also Pflanzen, die Samen enthielten, und man befreite seinen eigenen Samen so oft wie möglich aus der Finsternis des Körpers. Die Zeugung aber hätte bedeutet, das Licht erneut in die Gefangenschaft der Finsternis zu bringen.
    Bei Lichte betrachtet ist der Manichäismus nichts anderes als eine Fortsetzung der Gnosis mit phantasievolleren Mitteln. Mani liest sich wie Tolkien, und die Zeiten waren damals so mythensüchtig wie heute. Und wieder gab es asketische und geile Manichäer. Die einen wollten mit der Finsternis überhaupt nichts zu tun haben (da ist auch schon wieder die gefährliche Nähe zur christlichen "Jungfräulichkeit"), den anderen ging es darum, so viel Licht wie nur irgend möglich auszusenden, auf daß die Finsternis erleuchtet werde. Und wieder waren beide Richtungen gegen Ehe und Zeugung. [...]
    Augustinus (354-430) hatte sich zweimal dem Manichäismus zugewandt, war jedoch nur "Hörer" gewesen, hatte also dem untersten Stand der religiösen Hierarchie angehört. Weiter hatten ihn seine Interessen nicht geführt, die dann bald ganz erlahmten und in bittere Feindschaft umschlugen. Er lebte 11 Jahre lang mit einer Frau zusammen und hatte im ersten Jahr mit ihr einen Sohn. Obwohl dem "Hörer" die Ehe erlaubt war, heiratete er sie nicht, wandte sich vielmehr von ihr ab und schrieb statt dessen Bücher über die Güter des Ehestandes. Er berichtete nicht ohne Selbstgefälligkeit, die Frau habe geschworen, nach der Trennung nie wieder einen anderen Mann zu erkennen.
    In seinem Buch "Die Moral der Manichäer" schreibt er: "Habt ihr uns etwa früher nicht gewarnt, so sorgsam wie nur möglich auf die Zeit nach der monatlichen Reinigung zu achten, wenn zu erwarten ist, daß die Frau empfängt, und zu dieser Zeit uns vom Verkehr zu enthalten, damit nicht die Seele in das Fleisch eingeschlossen werde? Daraus ergibt sich, daß nach eurer Überzeugung die Ehe nicht dazu da ist, Kinder zu erzeugen, sondern die Begierde zu befriedigen." In dieser Passage stecken zwei Pointen. Augustinus wirft den Manichäern etwas vor, was immerhin Paulus schon so gesehen hat, daß die Ehe die Begierden befriedigen soll, das Kinderaufziehen spielte ja beim Völkerapostel nur eine Rolle am Rande.
    Zweitens schimpft hier Augustinus gegen eine Methode der Empfängnisverhütung, das Ausnutzen der unfruchtbaren Tage, die von den Theologen des 20. Jahrhunderts unter dem Namen Knaus-Ogino als die einzig erlaubte angesehen wurde. Das zeigt, wie sehr Lehraussagen doch von ganz bestimmten Konstellationen abhängen, und wie schwer sich Welterklärungssysteme mit totalem Wahrheitsanspruch ("Unfehlbarkeit", "Die Partei hat immer recht") tun, wenn es gilt, das für ewig wahr Erkannte dann doch unter großen theologisch-ideologischen Bauchschmerzen abzuändern.
    Ein anderes Beispiel für die Verknüpfung von Erfahrung und Lehre. Augustinus schreibt über das Zusammenleben von Unverheirateten: Wenn ein Mann mit einem Mädchen zusammenlebt, bis er eine findet, "die er als ebenbürtig heiraten kann", so ist er ein "Ehebrecher". Angenommen, die Frau "hält ihm die Treue und denkt, nachdem er sich verehelicht hat, nicht an eine Heirat und stellt sich innerlich ganz darauf ein, sich einer solchen Handlung zu enthalten", so sündigt sie zwar, aber "ich könnte es schwerlich über mich bringen, sie eine Ehebrecherin zu nennen". Hier ist mit Händen zu greifen, daß der Heilige beim Niederschreiben an seine frühere Freundin gedacht hat.