Die Marx Brothers

(Textauszug, 93ff)

Marx schildert nicht nur das konkrete Elend, sondern auch, was es bewirken wird. "Damit die Revolution eines Volkes und die Emanzipation einer besondern Klasse der bürgerlichen Gesellschaft zusammenfallen, damit ein Stand für den Stand der ganzen Gesellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt alle Mängel der Gesellschaft in einer andern Klasse konzentriert, dazu muß ein bestimmter Stand der Stand des allgemeinen Anstoßes, die Inkorporation der allgemeinen Schranke sein, dazu muß eine besondre soziale Sphäre für das notorische Verbrechen der ganzen Sozietät gelten, so daß die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbefreiung erscheint."
   So völlig logisch ist das nicht. Auch der Elendste kann nach seinder Selbstbefreiung andere unterdrücken. Ich möchte Ihre geschätzte Aufmerksamkeit aber auf einen anderen Punkt lenken. Kommt Ihnen das, was Marx da sagt, nicht bekannt vor? Jemand (hier eine Klasse), der alles Leiden, alle Erniedrigungen, alle Schranken in sich verkörpert ("eine Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird") und gerade deshalb die "allgemeine Selbstbefreiung" ermöglicht. Da sitzt doch was ganz tief in unser aller Unterbewußtsein, das auf solche Beweisführung anspringt. Richtig! Jesus hat das doch gemacht, erniedrigt, geknechtet, leidend. Die Idee vom geschundenen Proletariat als dem neuen Erlöser mußte in diesem zutiefst mit Christentum durchtränkten Weltteil ein Hit werden.
    Aber das ist beileibe noch nicht alles. Religionsgeschichtlich ist Jesus ja fast schon Neuzeit. Dahinter taucht die unermeßliche Welt des Judentums auf, zu deren Grundfesten der Glaube gehört, wonach der Gerechte, der Unschuldige, der Erwählte gerade wegen der ihm bereiteten Pein erhoben wird. Der alte Hiob reckt seine dürren, mit Schwären bedeckten Arme und winkt uns zu. Und dann geht es noch weiter zurück ins Dunkel. Auch das Judentum ist bereits eine konkretisierte religiöse Vorstellung. Dahinter ist sozusagen die Religion als solche. Warum gibt es Religion? Weil Menschen zu allen Zeiten eine Antwort auf die Fragen haben wollten: Warum muß ich leiden? Warum muß ich sterben? Die Religion gewährt diese Antwort, und sie ist zumindest insoweit richtig, als das zu ertragende Leid gemindert wird, wenn der Leidende darin einen Sinn sieht. Einen darüber hinausgehenden "wissenschaftlichen" Beweis dafür, daß das Leid die Erlösung garantiert, gibt es nicht. Wer das behauptet, lügt oder er ist Marxist.