Marx schildert
nicht nur das konkrete Elend, sondern auch, was es bewirken wird. "Damit
die Revolution eines Volkes und die Emanzipation einer besondern
Klasse der bürgerlichen Gesellschaft zusammenfallen, damit ein
Stand für den Stand der ganzen Gesellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt
alle Mängel der Gesellschaft in einer andern Klasse konzentriert, dazu
muß ein bestimmter Stand der Stand des allgemeinen Anstoßes, die Inkorporation
der allgemeinen Schranke sein, dazu muß eine besondre soziale Sphäre
für das notorische Verbrechen der ganzen Sozietät gelten, so
daß die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbefreiung
erscheint."
So völlig logisch ist das nicht. Auch der Elendste
kann nach seinder Selbstbefreiung andere unterdrücken. Ich möchte Ihre
geschätzte Aufmerksamkeit aber auf einen anderen Punkt lenken. Kommt
Ihnen das, was Marx da sagt, nicht bekannt vor? Jemand (hier eine Klasse),
der alles Leiden, alle Erniedrigungen, alle Schranken in sich verkörpert
("eine Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen
Leiden besitzt und kein besondres Recht in Anspruch nimmt, weil
kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin
an ihr verübt wird") und gerade deshalb die "allgemeine Selbstbefreiung"
ermöglicht. Da sitzt doch was ganz tief in unser aller Unterbewußtsein,
das auf solche Beweisführung anspringt. Richtig! Jesus hat das doch
gemacht, erniedrigt, geknechtet, leidend. Die Idee vom geschundenen
Proletariat als dem neuen Erlöser mußte in diesem zutiefst mit Christentum
durchtränkten Weltteil ein Hit werden.
Aber das ist beileibe noch nicht alles. Religionsgeschichtlich
ist Jesus ja fast schon Neuzeit. Dahinter taucht die unermeßliche Welt
des Judentums auf, zu deren Grundfesten der Glaube gehört, wonach der
Gerechte, der Unschuldige, der Erwählte gerade wegen der ihm bereiteten
Pein erhoben wird. Der alte Hiob reckt seine dürren, mit Schwären bedeckten
Arme und winkt uns zu. Und dann geht es noch weiter zurück ins Dunkel.
Auch das Judentum ist bereits eine konkretisierte religiöse Vorstellung.
Dahinter ist sozusagen die Religion als solche. Warum gibt es Religion?
Weil Menschen zu allen Zeiten eine Antwort auf die Fragen haben wollten:
Warum muß ich leiden? Warum muß ich sterben? Die Religion gewährt diese
Antwort, und sie ist zumindest insoweit richtig, als das zu ertragende
Leid gemindert wird, wenn der Leidende darin einen Sinn sieht. Einen
darüber hinausgehenden "wissenschaftlichen" Beweis dafür, daß das Leid
die Erlösung garantiert, gibt es nicht. Wer das behauptet, lügt oder
er ist Marxist.