Das fünfte Siegel

Und ich sah danach noch so viele Siege des Teufels unter dem Feldzeichen des Kreuzes, daß das Tal mit dem Blute der Menschen gefüllt war bis zum Rand. Und ich sah es überschwappen und sich auf das umliegende Land ergießen. Und die Menschen ringsum ließen ihre Häuser und Felder stehen und liegen, packten keine Wegzehr ein, sondern liefen davon, auf daß sie ein anderes sicheres Tal erreichten. Aber die rote Flutwelle holte sie ein und überrollte sie. Und ich hörte die Stimme rufen: "Sein Blut komme über sie und ihre Kinder!"
   Hinter der Flutwelle kamen die vier Reiter herangeritten. Der erste saß auf einem schwarzen Pferd. Er hieß "Theologie" und verkündete, daß das Schlachten in Gottes weisem Ratschluß begründet war. Der zweite saß auf einem weißen Pferd. Er hieß "Kirchengeschichte" und verkündete, wie das Morden sich so herrlich gefügt hatte. Der dritte saß auf einem braunen Pferd. Er hieß "Staatsraison" und verkündete, daß nur mit Hängen und Würgen das Abendland gerettet werden könnte. Der vierte war sehr mickrig und saß auf einem lila Dreirad. Er strampelte mächtig, konnte aber mit den anderen nicht Schritt halten. Er hieß "Bistums-Bote", und er war der einzige, der die Apokalypse schon hinter sich und seither nichts mehr zu vermelden hatte. Daher verteilte er Rezepte für Weihnachtskekse unter das Volk. Denn es steht geschrieben: "Geht hinaus in alle Welt und verkündet allen Völkern, wie man Plätzchen bäckt, wenn das Christkind kommt." Da solches aber selbst für dieses Volk ein bißchen wenig war, hatte er um seinen schmächtigen Leib einen Bauchladen geschnallt, aus dem er sieben Plagen streute.
    Die erste Plage waren Bilder seines Bischofs, an denen sich alle schon längst sattgesehen hatten.
    Die zweite Plage waren Medidationen, die in der Art der Wiegenlieder mit ihren immer gleichen Worten die Menschen zum Schlafen bringen sollten.
    Die dritte Plage waren von keinerlei Inhalt beschwerte Nachrichten aus dem blühenden Leben der Ortskirche.
    Die vierte Plage waren diverse Anpreisungen von Händlern, die sich nur um die Gebrechen des Alters drehten. Statt von der Trägheit des Herzens sprachen sie von der Trägheit des Darms, den Stand der Gnade ersetzten sie durch den Stand der Blase und den Protestantismus durch die Prostata.
    Die fünfte Plage waren Geschichten, die so überaus erbaulich waren, daß die davon Gepeinigten zu allen Mitteln der vierten Plage zu greifen geneigt waren.
    Die sechste Plage waren Meinungen, die weder warm noch kalt waren, sondern so lau, daß man sie aus dem Munde ausspie.
    Die siebte Plage waren Briefe, die noch schlimmer waren als der Bistums-Bote selbst.